Æ Æther

Montan-Welten: Alpengeschichte abseits des Pfades
3
Tina Asmussen

Pfade durch die Alpen – eine Einleitung

Æther #3 wendet sich den Alpen um 1750 als Natur-, Lebens- und Wirtschaftsraum zu und untersucht die mit diesen Räumen verbundenen Praktiken, Projekte und Projektionen.

Chamonix im Juli 2018. Eine vierköpfige Reisegruppe mit Fernsehteam, beaufsichtigt und angeleitet von einer Bergführerin und einem Bergführer, bricht zu einer dreiwöchigen Tour durch die Alpen auf. Ausgerüstet mit Funktionskleidung, Steigeisen und einem Minimum an Gepäck folgen sie der Route der ersten Pauschaltourist*innen in der Schweiz. Informationen und Impressionen über den geplanten Weg durchs Gebirge entnimmt die Gruppe dem Tagebuch der Britin Jemima Morrell (1835–1876), die 1863 beim Reiseunternehmer Thomas Cook (1808–1892) eine Reise in die Schweizer Alpen gebucht hatte.1 Ausgestrahlt wird diese Tour auf den Spuren der britischen Touristinnen und Touristen vom Schweizer Fernsehen SRF in dem Sommerprojekt Schweiz aktuell – Die Alpenreise.2

Der Weg der historischen Alpentourist*innen führte von London über Paris nach Genf und von dort aus in die Französischen Alpen nach Chamonix. Von Chamonix wanderte Cook mit seiner Reisegruppe zu Fuss und mit Maultieren auf verhältnismässig gut ausgebauten Wegen bis nach Martigny und weiter nach Sion. Weiter ging es über Leukerbad und die Gemmi ins Berner Oberland. Die Tour endete auf der Rigi, wo die Tourist*innen den spektakulären Sonnenaufgang bestaunten. Jemima Morrell hielt ihr Alpenerlebnis inklusive aller wichtigen Sehenswürdigkeiten – der Mont Blanc, das Mer de Glace, der Staubbachfall im Lauterbrunnental, der Obere und Untere Grindelwaldgletscher oder die Rigi – angereichert mit zahlreichen Anekdoten fest. Cooks Alpentour wusste zu begeistern und war – wie die anderer Reiseunternehmer – enorm erfolgreich. Im selben Jahr brach er noch drei weitere Male in die Schweiz auf und führte insgesamt vierhundert Personen durch die Alpen.3 Um 1850 entwickelten sich die Schweizer Alpen so zur massentouristischen Attraktion.

Der Anfang des alpinen Massentourismus im 19. Jahrhundert ist jedoch Endpunkt und nicht Ausgangspunkt dieses Buches. Bereits lange vor dem Massentourismus wurden die Alpen bereist, untersucht und vermessen, bebaut, bestaunt, gefürchtet und vermarktet. Wir – das Projektseminar »Montan-Welten: Alpengeschichte in der Frühen Neuzeit« der ETH Zürich – nahmen die ungebrochene Alpenfaszination zum Anlass, uns auf die Pfade von Naturforschern, Bergsteigerinnen, Malern, Tagebuchautorinnen, Kuhhirten, Bäuerinnen, Pfarrern und Medizinern zu begeben.

Abb. 1: Ludwig Pfyffer von Wyhers Zirkelpanorama der Rigi Kulm, 1830.

»Walk of Fame«

Über die Jahrhunderte der Alpenüberquerung und Durchwanderung sind viele Pfade ausgetreten oder wurden zu Strassen ausgebaut. Der Weg der Reisegruppe des SRF Sommerspecials durch das Gebirge beziehungsweise die von ihnen abgeschrittenen Sehenswürdigkeiten seien nichts weniger als eine »Rekapitulation von Berühmtheiten«, so der Alpenhistoriker Jon Mathieu gegenüber dem Schweiz Aktuell-Moderator Michael Weinmann.4 Von der gesamten Alpenlandschaft war das Hochgebirge zwischen der Zentralschweiz und Chamonix tatsächlich seit dem 16. Jahrhundert und vor allem dann im 18. Jahrhundert am häufigsten frequentiert. Davon zeugen nicht zuletzt die Reisen der renommierten Naturforscher Conrad Gessner (1516–1565), Albrecht von Haller (1708–1777) oder Horace-Bénédict de Saussure (1740–1799). Sie notierten während ihren Alpenreisen nicht nur unzählige Beobachtungen und trugen Objekte zusammen, sondern sammelten auch Eindrücke und wussten diese über den Buchdruck zu verbreiten. Sie verfassten genaue Beschreibungen der alpinen Gesteins-, Pflanzen- und Tierwelt, sie zeigten sich interessiert am medizinischen und ökonomischen Nutzen der alpinen Ressourcen und waren empfänglich für Sinneseindrücke aller Art. Und die Sinneswelt der Alpen war imposant: Das laute Krachen der Gletscher, das von den Felswänden zurückhallende Echo, die Blautöne des Himmels, die Farbigkeit der Regenbögen oder der Duft der Alpenflora wurden wortreich festgehalten. Nachzulesen sind solche Alpenimpressionen etwa in Gessners Beschreibung des Pilatus (Descriptio montis fracti, 1555), in Hallers Gedicht Die Alpen (Erstauflage 1732) oder in de Saussures Voyages dans les Alpes (1779–1796).

Die moderne Alpenbegeisterung in Europa, die sich im 18. Jahrhundert vor allem durch die Reisen von Naturforschern und Künstlern entzündete und im 19. Jahrhundert weite Kreise erfasste, wurde somit weniger von den Erlebnissen und Eindrücken der lokalen Bevölkerung oder reisender Kaufleute befeuert, die schon seit mehreren Jahrhunderten Pässe überquerten oder Gipfel bestiegen, sondern vor allem durch die Druckerpresse: Sie machte Naturforscher wie Gessner, de Saussure und Haller nicht nur zu Berühmtheiten der Alpengeschichte, sondern auch lange über ihren Tod hinaus zu Nationalhelden. Die Schweizerische Notenbank etwa versah jeden einzelnen von ihnen Jahrhunderte später mit einem Druckerzeugnis von besonderem Wert: Haller, der Dichter und Wissenschaftler, wurde in der Banknotenserie von 1976 mit dem Fünfhundert-Frankenschein geehrt; Gessner, der Naturforscher und Besteiger des Pilatus, mit der Fünfzigernote und de Saussures Reisebeschreibung durch die Alpen mit dem Höhepunkt der Besteigung des Mont Blanc mit der Zwanzigernote. Mit dieser Geldscheinserie inszenierte sich die Schweiz zu einer Zeit, in der die Tourismusindustrie bereits überdeutliche Spuren in den Bergregionen hinterlassen hatte, als Land von selbstlosen Alpenentdeckern und Gelehrten.

Abb. 2: De Saussure, Gessner und Haller auf der Schweizer Banknotenserie von 1976.

Die Berühmtheiten Gessner, Haller und de Saussure bilden jedoch nur die Spitze des Eisberges der historischen Alpenerforschung. Mit und nach ihnen haben noch viele Naturforscher*innen ihre Beobachtungen, Vermessungen und Erlebnisse auf Papier gebracht. Ebenso haben auch die Alpenforscher*innen des 20. und 21. Jahrhunderts ihre Papierspuren in der Landschaft hinterlassen. Die Wege durch die Alpen haben somit durch das aber- und abermalige Ablaufen, Erforschen, Abmalen, Drucken, Wiederabdrucken und Nacherzählen durch Gelehrte, Maler*innen, Reisende, Verleger und Historikerinnen tiefe Furchen in der (Forschungs-)Landschaft hinterlassen. Auch wir haben unsere Alpenreisen auf diesen »Helden-Pfaden« begonnen, um ihre anhaltende Faszination zu verstehen, mehr noch aber um von dort aus die verborgenen Stellen am Rande des Weges, im Gebüsch, hinter Felsen oder an steilen Abhängen aufzuspüren.

Unser eigener Weg in die Alpen startete denn auch nicht in Chamonix. Ohne Funktionskleidung und Reisegepäck begannen wir im Spätsommer 2018 unsere Forschungsreise in Winterthur – in der Ausstellung Dutch Mountains im Kunst Museum Winterthur – und setzten sie in Zürich fort. In Winterthur nahmen wir die gemalten Alpenlandschaften Niederländischer und Schweizer Künstler aus vier Jahrhunderten zum Anlass, unser eigenes Interesse an den Alpen und ihrer Geschichte zu hinterfragen. Wir beschäftigten uns etwa mit der künstlerischen Dokumentation des Viamala-Saumpfades in Graubünden des Niederländers Jan Hackaerts (1628–1685/90), mit den berühmten Gletscher- und Wasserfallgemälden von Caspar Wolf (1735–1783) und den heroischen Berglandschaften von Alexandre Calame (1810–1864).

Wir, von verschiedenen Disziplinen herkommend – Philosophie, Architektur, Maschineningenieurswissenschaften, Geschichte, Psychologie, Kunst, Umweltökonomie, Botanik, Geomatik und Medizin –, interessierten uns beim Anblick dieser Werke für sehr unterschiedliche Aspekte der alpinen Landschaftsmalerei: Elementargewalten, meteorologische Phänomene und der Farbenreichtum der Landschaft; die Gestaltung des Raumes, Überfluss und Knappheit an Ressourcen; Transport und Infrastruktur oder auch Sinnlichkeit, Bedrohlichkeit und Idealisierung der Landschaft. Die von den eigenen Faszinationen und Interessen geleitete Erstbegegnung mit der historischen Alpenthematik bildete sozusagen das Eingangstor zur Forschungs- und Schreibwerkstatt.

Verzweigungen und Abbiegungen

Bei dem Versuch, unsere spontanen Interessensbereiche historisch und analytisch zu vertiefen, stellte sich zwangsläufig erst einmal Orientierungslosigkeit ein. Anstelle von Bergpanoramen fanden wir Bücherberge. Der auf den Museumsbesuch folgende Weg in die Alpengeschichte ist somit treffender als Eintritt in eine schier unüberblickbare Menge an Forschungsliteratur zu beschreiben: Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte, Infrastrukturgeschichte, Kulturgeschichte, Kunstgeschichte und Volkskunde haben unzählige Beiträge in einschlägigen Fachzeitschriften, Sammelbänden und Monographien hervorgebracht. Um uns einen Weg durch die Alpenforschung mit ihren unterschiedlichen methodischen und disziplinären Zugängen zu bahnen, verschafften wir uns einen Überblick über die Ressourcen, Möglichkeiten und Beiträge am Standort Zürich.

Abb. 3: Niederländer in den Alpen: Jan Hackaerts Viamala von 1655.

Die ETH und die Universität Zürich bieten nicht nur aufgrund der Sammlungen alter Drucke, Grafiken, Mineraliensammlungen und Herbarien eine ideale Ausgangslage zur Komplexitätsverdichtung; auch in personeller Hinsicht ist die ETH für die Alpenhistoriographie interessant. So etwa Jean-François Bergier (1931–2009), der zwischen 1969 und 1999 den Lehrstuhl für Geschichte an der ETH innehatte. Er ist gemeinhin als Leiter der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg bekannt, jedoch war er nicht zuletzt auch ein Wegbereiter für die Institutionalisierung sowie Internationalisierung der Alpengeschichtsschreibung. Letzteres jedoch nicht aus der Perspektive der Naturgeschichte oder Alpenästhetik, sondern aus der Perspektive der spätmittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte.

Über Bergiers Schriften haben wir uns den Alpen als Transit-, Wirtschafts- und Lebensraum angenähert und anschliessend aktuelle Forschungszugänge wie Mobilität und Infrastrukturgeschichte, Naturgeschichte, Objekt-, Wahrnehmungs- und Landschaftsgeschichte vertieft. Die ausgewiesenen Kenner der Alpengeschichte Hans-Ulrich Schiedt und Jon Mathieu haben mit uns – ausgehend von zwei konkreten Objekten: die Teufelsbrücke(n) über die Schöllenenschlucht (Schiedt) und ein Steigeisen zur Gemsjagd (Mathieu) – über ihre Forschungszugänge diskutiert und unsere Entwürfe kommentiert.

Auf dem Bild, das die Schöllenenschlucht zwischen Göschenen und Andermatt von Westen her zeigt, sind zwei Brücken und ein Brückenfragment zu sehen: Die 1595 gebaute und 1888 eingestürzte Brücke des Saumwegs, die 1828/30 gebaute Brücke von Karl Emanuel Müller und die 1956 gebaute Autostrasse. Unsichtbar bleiben die im 13. Jahrhundert mit teuflischer Hilfe erbaute Teufelsbrücke, das Schlachtereignis des russischen Generals Suworows, der mit seinen Truppen 1799 die Franzosen in der Schöllenenschlucht besiegte, die 1882 fertiggestellte Gotthardbahn sowie die militärischen Verteidigungsanlagen des Reduits in der Schöllenenschlucht.

Alle im Bild sichtbaren und unsichtbaren Befunde und Ereignisse verweisen nicht nur auf die kontinuierliche verkehrstechnische und strategische Nutzung dieser Schlüsselstelle zwischen Nord und Süd, sondern sie zeigen auch die komplexen Überlagerungen von Politik-, Wirtschafts-, Technik-, Infrastruktur- und Kulturgeschichte in der Landschaft.

Abb. 4: Drei Brücken über der Schöllenenschlucht, 2006.

Um unseren Weg durch die Alpen zu finden, war es wichtig, diese unterschiedlichen Forschungsperspektiven zur Kenntnis zu nehmen, da sie es ermöglichen, sowohl langfristige Strukturen aber auch lokale Handlungen, Wahrnehmungen und Wege der Bergbevölkerung, von Kaufleuten und Viehhirten in den Blick zu nehmen – und sich nicht allzu sehr an die Fersen der Naturforscher und Alpentouristinnen zu heften. Umgekehrt gilt aber auch: Die Perspektive darf nicht beim Lokalen oder Regionalen verharren, sondern, wie uns globalgeschichtliche und postkoloniale Perspektiven zeigen, auch die Art und Weise reflektieren, wie die „Alpen“ in globale Zusammenhänge eingebunden waren.5

Auf und neben den Pfaden

Wenn nicht der »Walk of Fame«, welcher Pfad ergab sich dann aus unserer Schreib- und Forschungsarbeit? Ein Bild, gemalt von Gabriel Lory dem Jüngeren (1784–1848), mag eine Antwort auf diese Fragen suggerieren.

Dargestellt ist ein Gemsjäger, der nach erfolgreicher Jagd, ausgestattet mit Steigeisen und einem langen Stock, auf einem schmalen Pfad zwischen den bedrohlichen Eisspitzen und gefährlichen Spalten des Oberen Grindelwaldgletschers balanciert. Der Jäger hat seine Flinte umgehängt und das erlegte Tier kunstfertig aufgeschultert. Sein Blick ist konzentriert auf den Weg gerichtet. Er befindet sich in leichter Schieflage, die jedoch noch auf keinen Verlust des Gleichgewichts hindeutet. Mit seinem Stock stützt er sich geschickt am Eis ab und tastet sich langsam vor. Im Hintergrund ist idyllisch das von grauen Wolken umgebene Finsteraarhorn zu sehen. Die Bergspitze ragt in den blauen Himmel. Der Gemsjäger auf seinem schmalen Pfad wird vom Sonnenlicht beleuchtet, wobei sich der Schatten eines tiefen Abgrundes vor ihm auftut.

Der Berner Landschaftsmaler hat mit dieser undatierten Darstellung nicht nur motivisch, sondern auch perspektivisch ein sehr interessantes Bild geschaffen: Einerseits zieht der Gipfel des Finsteraarhorns die Blicke der Betrachter*innen in die Bildtiefe und vermittelt so ein vertrautes Bild der Alpenidylle; die bedrohlich dunklen Gletscherspalten im Vordergrund halten andererseits dagegen – fast unweigerlich ziehen sie den Blick in den Abgrund hinein. Die Beschaulichkeit des Gipfels und die Ruhe des Gemsjägers stehen anders gesagt in scharfem Kontrast zu den bedrohlichen Eiszacken und dunklen Spalten des Gletschers. Durch die verwirrende Perspektivenführung geraten die Blicke der Betrachter*innen ins Taumeln: Sie scheinen den Fall des Gemsjägers zu antizipieren.

Lory wählte für seine dramatische Szene eines der berühmtesten Motive der alpinen Landschaftsmalerei – den Oberen Grindelwaldgletscher –, verfolgte bei der Umsetzung jedoch eine andere Thematik und Ansicht des Gletschers. Der Gemsjäger befindet sich, wie wir im Alpenseminar, gewissermassen auf dem Pfad und abseits des Pfades. Wir starteten auf den sicheren und abgetretenen Wanderwegen und hoch frequentierten Passstrassen. Über unsere persönlichen Forschungsinteressen tasteten wir uns langsam in das ungesicherte Terrain hervor, wir suchten nach neuen Ansichten von bekannten Erzählungen sowie nach alternativen Formen des Erzählens von Alpengeschichte. Wir verwandelten uns während dieses Prozesses jedoch nicht von Faszinierten in Empiriker*innen. Die Faszination war immer Teil unserer Arbeit, sowie sie immer auch Teil der historischen Akteure war.

Abb. 5: Gabriel Lorys Gemsjäger auf dem Oberen Grindelwaldgletscher, erste Hälfte 19. Jahrhundert.

So übte etwa die Thematik der Gemsjagd schon auf die Naturforscher*innen und Alpinist*innen des 16. Jahrhundert einen besonderen Eindruck aus. Jon Mathieu berichtete in einer unserer Seminarsitzungen etwa von Anstrengungen, die der Zürcher Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) auf sich nahm, um eine Reproduktion eines Steigeisens – ein überlebenswichtiges Utensil der Gemsjäger – zu erhalten.6 Auch Horace-Bénédict de Saussure liessen die Gemsjäger auf den Gletscherhöhen nicht kalt. Seine Bewunderung für die bergkundigen Gemsjäger ging sogar so weit, dass er sie mit dem leidenschaftlichen Forschungsdrang der Gelehrten verglich. Die Anziehungskraft der Gemsjagd bestand laut de Saussure nicht im finanziellen Anreiz, sondern einzig und allein in den durch die Gefahr hervorgerufenen Emotionen:

»Diese Gefahren selbst aber, diese Abwechslung von Hoffnung und Furcht, die beständige Bewegung, welche alle diese Veränderungen in der Seele unterhalten, diese sind es, welche den Jäger eben so reitzen, wie sie den Spieler, den Kriegsmann, den Schiffer, und selbst in gewissen Absichten den Naturforscher der Alpen beleben, dessen Unternehmungen und Reisen viele Aehnlichkeit mit denen der Gemsjäger haben.«7

Wie die Gemsjäger auch (und wie de Saussure) suchen viele der hier versammelten Texte den Weg zum Untersuchungsobjekt Alpen nicht über die Figur der nüchternen Empirikerin oder des kaltblütigen Jägers, sondern der leidenschaftlichen Entdeckerin. Entdeckt oder erbeutet haben wir dabei unter anderem: die Wahrnehmung und Vermessung des Himmelblaus, via 52 Stufen; seltenste Pflanzen in den hintersten Winkeln der Alpen; die Vermessung von Nymphen; die hohe Mobilität in Welten des (vermeintlichen) Stillstandes oder auch die Vermarktungspraktiken und Versprechensökonomien von Alpenprodukten. Das Alpenpanorama, das unsere Arbeiten entfalten, zeigt die »Berühmtheiten« in anderem Licht, es rückt neue Akteure ins Zentrum, schafft unerwartete Verknüpfungen und entwickelt Geschichte anhand von Objekten oder Emotionen.

Tina Asmussen ist SNF-Ambizione Stipendiatin an der Professur für Wissenschaftsforschung der ETH Zürich.

Der Gemsjäger befindet sich, wie wir im Alpenseminar, gewissermassen auf dem Pfad und abseits des Pfades.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Panorama oder Zirkel-Aussicht vom Rigi Berg. auf dem Kulm gezeichnet von Ludwig Pfyffer von Wyher, Luzern: Xaver Meyer (1830), handkoloriert, 56x55 cm, Zentralbibliothek Zürich, Kartensammlung, A Pa 154.

Abb. 2: Schweizer Nationalbank, Zwanziger-, Fünfziger und Fünfhunderternote aus der Sechsten Banknotenserie entworfen von Ernst + Ursula Hiestand, 1976, Quelle: Archiv der SNB.

Abb. 3: Jan Hackaert, Die Viamala, 1655, Feder in Grau, braun, grau und lila-grau laviert, über Graphit, 37.6x29.5 cm, Kunsthaus Zürich, Graphische Sammlung.

Abb. 4: Heinz Dieter Finck/ViaStoria, Drei Brücken über der Schöllenenschlucht, 2006.

Abb. 5: Gabriel Lory, Der Gemsjäger auf dem Oberen Grindelwaldgletscher, im Hintergrund das Finsteraarhorn, Aquarell, Bleistift, Feder, 34.4x42.5 cm, erste Hälfte 19. Jahrhundert, Graphische Sammlung, ETH Zürich, Inv.-Nr. Z 87.

Literatur
  1. 1

    Jemima Morrell: Miss Jemima's Swiss journal: The first conducted tour of Switzerland, London: Putnam (1962).

  2. 2

    SRF: Schweiz aktuell – Die Alpenreise (16.07.–02.08.2018), https://www.srf.ch/sendungen/schweiz-aktuell/die-alpenreise.

  3. 3

    Mario Froelicher: »ViaCook – ›The First Conducted Tour of Switzerland‹ im Jahre 1863«, in: Les chemins et l’histoire/Strade e storia 2 (2004), S. 8–16; Laurent Tissot: Naissance d’une industrie touristique: Les Anglais et la Suisse au XIXe siècle, Lausanne: Editions Payot (2000), S. 163.

  4. 4

    SRF: Schweiz aktuell – Die Alpenreise (Teil 1) (16.07.–02.08.2018), https://www.srf.ch/sendungen/schweiz-aktuell/die-alpenreise.

  5. 5

    Vgl. Jon Mathieu: Die dritte Dimension: Eine vergleichende Geschichte der Berge in der Neuzeit, Basel: Schwabe (2011); Bernhard C. Schär: »On the Tropical Origins of the Alps Science and the Colonial Imagination of Switzerland, 1700–1900«, in: Patricia Purtschert, Harald Fischer-Tiné: Colonial Switzerland: Rethinking Colonialism from the Margins, London: Palgrave Macmillan (2016), S. 29–49.

  6. 6

    »Zu Tosanen bitten mir verfertigen zu laßen ein fuß-/eisen auf die art, wie sie die Gemsenjäger mit/ tragen, aber subtiler, oder dünner, gleichwohl gewohnter form und größe nur zum muster.« Scheuchzer an Rudolf von Rosenroll, 13.09 [1703], in: Simona Boscani Leoni (Hg.), unter Mitarbeit von Jon Mathieu, Bärbel Schnegg: »Unglaubliche Bergwunder«: Johann Jakob Scheuzer und Graubünden: Ausgewählte Briefe 1699–1707, Chur: Casanova Druck Werkstatt (2019), S. 128–129.

  7. 7

    Horace-Bénédict de Saussure: Reisen durch die Alpen, Dritter Theil, Leipzig: Johann Friederich Junius (1787), S. 174.